Gina* ist eine von den Frauen, die einen Raum betreten, und DA sind. Präsent, auf eine sehr angenehme, ruhige Art, und zugleich offen und kommunikativ. Sie spricht weder zu laut noch zu leise, ihre Kleidung ist ebenso wie das zurückhaltende Make Up stilsicher, und alles in allem wirkt sie ebenso kompetent wie sympathisch.

All diese Eindrücke darf ich in den ersten Momenten sammeln, in denen Gina mir im Sessel in der Praxis gegenübersitzt. Und doch stimmt etwas nicht, und das wird in den ersten Worten, die auf den kurzen Begrüßungs-Smalltalk folgen, deutlich.

“Ich weiß nicht so richtig, wie ich es ausdrücken soll”, entgegnet Gina vorsichtig auf meine Frage, was sie denn zu mir führt. “Eigentlich ist mein Leben toll. Ja. Aber irgendwas stimmt nicht.”

Sie stockt kurz, sucht nach Worten und blickt mich dann mit dem strahlendsten Lächeln, das man sich nur vorstellen kann, an. “Ich glaube, ich bin depressiv. Oder so.”

 

Depressionen gehen mit hohem Leidensdruck einher

 

Die Diskrepanz zwischen den Worten und dem ganz offensichtlichen Leidensdruck, der sich über Ginas Tonfall verrät, und dem strahlenden Lächeln, ist für jemanden, der das noch nie erlebt hat, wahrscheinlich schwer verwirrend.

Ich habe schon einige Patientinnen und Patienten in der Praxis kennengelernt, die diese Kombination mitbrachten. Die trotz Depression lächeln. Die mitreißend sein können und wirken, als könnte sie nichts erschüttern. Vordergründig.

Und auch bei mir bemerke ich in solchen Fällen immer wieder einen kurzen Moment der Irritiation. Beruhend auf dem Eindruck, der entsteht, wenn das Gesehene und das Gefühlte nicht zusammenpassen. Da greift etwas einfach nicht ineinander.

“Was bringt dich auf den Gedanken, eine Depression zu haben?”, hake ich nach.

“Mir kommt alles so sinnlos vor”, sagt Gina. “Düster. Und schwer.” Sie atmet einmal tief durch und strahlt mich dann erneut an. “Ich schaffe aber noch alles! Niemand merkt, wie es mir geht. Das ist auch sehr wichtig, denn ich muss ja meine Arbeit erledigen! Und das kriege ich hin!”

Sie klingt ein wenig stolz, als sie das erzählt.

Gina hat auch tatsächlich einiges zu stemmen in ihrem stressigen Job. Sie führt ein Team in einem Start Up und weiß manchmal nach eigener Aussage kaum, wo ihr der Kopf steht. Dennoch schafft sie das Pensum, und meistens sogar noch deutlich mehr, als von ihr erwartet wird.

Alle verlassen sich auf sie. Gina ist diejenige, die man ruft, wenn es brennt. Und weder auf der Arbeit, noch im Privatleben, bekommt irgendjemand mit, wie es wirklich tief in ihrem Inneren aussieht.

“Schwarz”, sagte sie. “Tiefschwarz. Und ich fühle nichts mehr. Da ist nur noch Leere”

Das Lächeln sitzt.

Falls du dir gerade Sorgen machst – Gina und ich arbeiteten vor einigen Jahren miteinander und ich kann dich beruhigen. Es geht ihr inzwischen wieder gut. Sie konnte einiges in ihrem Leben verändern, das die Entstehung der Depression begünstigt hat, und fühlt sich heute stabil. Ihr Lächeln ist wieder echt, und keine Fassade mehr, die das unglaubliche innere Leid der Depression kaschiert.

 

Trotz Depression lächeln

 

Worauf ich mit diesem Artikel hinweisen möchte, ist die Tatsache, dass Depressionen nicht immer so aussehen, wie viele Menschen sich das allgemein vorstellen. Üblicherweise wird von Depressiven eine große Traurigkeit erwartet, zudem Symptome wie verminderter Antrieb, Schlafstörungen, Gewichtsverlust, Ängste, Konzentrationsprobleme – und natürlich in schweren Fällen auch ausgeprägte Hoffnungslosigkeit bis hin zu Suizidgedanken.

Und ja, das stimmt auch. Und kann im Fall einer klassischen Depression auch genau so auftreten und genau so aussehen.

Gina zeigte der Welt aber absolut nichts von all dem. Gina war eine der Personen, die inmitten der tiefsten Depression lächeln.

Sie wirkte unbeschwert. Oft fröhlich. In jeder Hinsicht belastbar. Und war innerlich dabei laut eigener Aussage “so gut wie tot”.

Auf der Arbeit leistete sie enorm viel, hatte ständig das Gefühl, sich eigentlich nur noch durch die Arbeit legitimieren zu können. Und zugleich hatte sie pausenlos Angst vor dem Versagen. Davor, dass jemand sie “enttarnen” und ihre psychische Erkrankung entdecken könnte.

 

Depressionen sind häufig – aber Betroffene schämen sich oft

 

Etwa jeder Fünfte kennt eine Depression aus eigener Erfahrung, aber noch immer sind Gespräche darüber besonders im beruflichen Kontext schwierig. Aus Angst, als “schwach”, “nicht belastbar”, oder “unzuverlässig” abgestempelt zu werden, verstecken viele Erkrankte ihre Depression. Oder überkompensieren sogar, indem sie immer noch mehr leisten, wie es bei Gina der Fall war, und so den Kopf über Wasser halten – was auf die Dauer aber auch die letzten Kraftreserven auffrisst.

Im Privatleben war eine kleine Veränderung zu bemerken, denn Gina zog sich immer mehr von Freunden und Bekannten zurück, igelte sich zu Hause ein. Offiziell schob sie alles auf den “Stress bei der Arbeit”, der sie momentan eben ein wenig erschöpfte. Und sie versicherte allen, dass dies nur eine Phase sei. Niemand hatte Anlass, ihr nicht zu glauben. Gina war zuverlässig.

Da sie zu dieser Zeit eine Fernbeziehung führte, bemerkte selbst ihr Freund von der Depression nichts. Denn immer, wenn die beiden sich sahen, telefonierten oder per Videotelefonat in Kontakt waren, lächelte Gina ihr strahlendstes Lächeln, war vermeintlich guter Dinge und zeigte ihre schönste Fassade.

“Ich habe Angst, dass er mich verlässt, wenn er merkt, wie dunkel es wirklich in mir aussieht”, erklärte sie die Schauspielerei. “Deshalb muss ich trotz Depression lächeln. Und so tun, als wäre ich völlig in Ordnung.”

Und gleichzeitig wurde ihr immer mehr klar, dass sie diese Fassade nie und nimmer ewig würde aufrecht erhalten können. Es war einfach zu anstrengend. Und isolierte sie nur noch mehr von den anderen Menschen, nach deren Unterstützung und Nähe sie sich insgeheim sehnte.

Doch jemand wie Gina, der es von klein auf gewohnt war, “stark” zu sein und “alles alleine zu regeln” brauchte eine Weile um zu bemerken, dass Hilfe nötig war – und dann dauerte es nochmals seine Zeit, bis sie bereit war, die Hilfe auch anzunehmen und als etwas zu betrachten, das ihr zustand. Ginas Fall ist eine typisch ‘atypische Depression’, gelegentlich auch als ‘smiling depression’¹ bezeichnet.

 

Die Fassade wahren – oder aus der Depression herausfinden?

 

Glücklicherweise konnte Gina damals noch aus eigener Kraft die Notbremse ziehen. Sie hat rechtzeitig erkannt, dass “etwas nicht stimmt”. Diesem “Etwas” konnte sie dann mit vielfältiger ärztlicher und begleitender psychotherapeutischer Unterstützung auf den Grund gehen. Indem sie lernte, Schritt für Schritt besser für sich und ihre Bedürfnisse zu sorgen, nahm sie der Depression einen großen Teil der Macht und gewann die Kontrolle über ihr Leben zurück.

Manchmal ist es wichtig, sich einen Moment Zeit zu nehmen und zu prüfen: wie geht es mir eigentlich? Wie ist mein Leben so? Und ist es genau so, weil ich das so möchte, oder weil ich bestimmte Dinge einfach nicht mehr bewältigen kann und verzweifelt versuche, das zu kaschieren?

Ehrlichkeit uns selbst gegenüber ist stets der erste Schritt. Unterstützung suchen und annehmen der nächste. Und jeder einzelne dann folgende Schritt führt wieder mehr zu uns selbst zurück – raus aus der Depression und hin zu einem bewussteren Leben, das gestaltet werden kann.

Wenn du beim Lesen dieses Artikels bemerkt hast, dass du Unterstützung benötigst, lass uns gerne einen Termin vereinbaren. Ich bin als Heilpraktikerin in Berlin auch bei seelischen Krisen ebenso lösungsorientiert wie empathisch begleitend für dich da.

Übrigens: auch Autoimmunprozesse wie Hashimoto können die Entwicklung einer depressiven Verstimmung begünstigen. Wenn Hashimoto bei dir diagnostiziert wurde, kann dies ein Teil des Problems sein. In meinem Quiz kannst du herausfinden, welcher Hashimoto-Typ du bist.

 

 

 

 

 

* Gina heißt eigentlich anders. Ihr Name wurde ebenso wie ihre berufliche Tätigkeit für diesen Beitrag von mir geändert, um Anonymität zu gewährleisten.
¹Ein interessanter Artikel von Olivia Remes zur Smiling depression findet sich in The Conversation.